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Lüpke, H. v. (2015). Konstrukt Diagnose. Wer den Namen weiß, hat die Macht. In J. Heilmann, A. Eggert-Schmid Noerr & U. Pforr (Hrsg.), Neue Störungsbilder – Mythos oder Realität? Psychoanalytisch-pädagogische Diskussionen zu ADHS, Asperger-Autismus und anderen Diagnosen. Gießen: Psychosozial-Verlag.

S. 54: „Die moderne, an nüchternen Labordaten orientierte Medizin übernimmt die Funktion einer Instanz, die früher bei den Göttern angesiedelt war. Mit der Entscheidung über Krankheit geht es in letzter Konsequenz um Leben und Tod. An dieser Dynamik hat sich nichts geändert, auch wenn das, was in der Antike eine »heilige Krankheit«, ein »Morbus sacer« war, heute als Epilepsie zum Problem fehlgeleiteter Hirnströme und deren Kontrolle durch geeignete Medikamente geworden ist. Durch Opfer und andere Rituale hoffte man früher, Einfluss auf die Götter (den Gott, die Heiligen) nehmen zu können, um einen günstigen Ausgang zu erwirken. Mit der modernen Medizin hat sich die Palette der Behandlungsmöglichkeiten zwar um ein Vielfaches erweitert, die Möglichkeit der Betroffenen, zumindest durch Rituale selbst aktiv zu werden, jedoch vermindert.“

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Heilmann, J., Eggert-Schmid Noerr, A. & Pforr, U. (Hrsg.). (2015). Neue Störungsbilder – Mythos oder Realität? Psychoanalytisch-pädagogische Diskussionen zu ADHS, Asperger-Autismus und anderen Diagnosen. Gießen: Psychosozial-Verlag.

In Pädagogik und Sozialarbeit sehen sich Professionelle vermehrt mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen konfrontiert und geraten dabei an ihre Handlungsgrenzen. Auch die öffentlichen Medien zeichnen ein negatives Bild heutiger Jugendlicher: Scheinbar kommt es immer häufiger zu Regelverletzungen, Konflikten und Gewaltausbrüchen. Die Häufung von Diagnosen wie ADHS, Asperger-Syndrom, bipolare Störung oder der Stimmungsstörung Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD) verstärken diesen Eindruck. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob psychische Störungen wirklich zugenommen haben oder ob sich lediglich die Sensibilität gegenüber diesen Auffälligkeiten verändert hat. Der Trend zunehmender psychopathologischer Differenzierung und Medizinalisierung von auffälligem und störendem Verhalten wird analysiert. Ausgehend von den Grundannahmen der Psychoanalytischen Pädagogik werden die ambivalenten Folgen dieser Entwicklung auf den pädagogischen Diskurs und die pädagogischen Praxisfelder aufgezeigt, veränderte Sozialisationsbedingungen werden hinterfragt und Handlungshinweise für einen angemessenen Umgang werden gegeben. – Inhalt: (A) Normalität und Abweichung. (1) Rolf Göppel: Was prägt unsere Konstruktionen von „Kindheit“? (2) Hans von Lüpke: Konstrukt Diagnose. Wer den Namen weiß, hat die Macht. (3) Inge Seiffge-Krenke und Fabian J. Escher: Die neue Entwicklungsphase des „emerging adulthood“. Typische Störungen und Entwicklungsrisiken sowie Ansätze der Versorgung. – (B) Störungsbilder im Wandel. (4) Marianne Leuzinger-Bohleber: „Neue Störungen“ – Abwehr von unerträglichen Komplexitäten? Aus der Psychoanalyse mit einem muslimischen Spätadoleszenten. (5) Manfred Gerspach: Neues und Altes vom Zappelphilipp. (6) Joachim Heilmann: Autismus ist nicht gleich Autismus. Vom frühkindlichen Autismus zur Autismus-Spektrum-Störung (ASS). (7) Jürgen Wettig: Schlangengrube Familie. Transgenerationale Ursachen von Dissozialität und Gewalt. (8) Silke Wiegand-Grefe und Angela Plass: Depressionen im Kindes- und Jugendalter. Unter der mehrgenerationalen Perspektive einer elterlichen psychischen Erkrankung. (9) Annelinde Eggert-Schmid Noerr: Burnout. Eine „neue Störung“ oder nur ein neues Bild? – (C) Interventionen und ihre Rahmenbedingungen. (10) Marianne Rauwald: Bedeutung von Bindungs- und Mentalisierungsprozessen als Traumaprävention. Die psychotherapeutische Arbeit im intermediären Raum. (11) Birgit Wieland: „Ihr sollt meine Diener sein!“ Zur Herausforderung Psychoanalytischer Sozialarbeit. (12) Christine Tomandl: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit“. Aus der Arbeit des Rudolf Ekstein Zentrums Wien. (13) Benjamin E. Bardé: Das soziale „Unbewusste“ als Organisationsparadoxon.

PSYNDEX Literature & Audio Visual Media Accession Number: 0295290


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